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Die Künstler und der Brexit: Sprung ins Ungewisse

Eins ist sicher: Die Unsicherheit bleibt. Für Kunst, Kultur und Unterhaltung in Großbritannien ist die Lage auch nach dem mit Brüssel ausgehandelten Brexit-Deal noch offen. Fachkräfte wandern ab.



Bob Geldof
Brexit-Kritiker Bob Geldof bei der 25. Operngala für die Deutsche Aids-Stiftung.   Foto: Gregor Fischer

Sie wissen, was sie dem Staat wert sind. Deshalb haben die weltweit renommierten Kultur-und Entertainment-Branchen in Großbritannien unermüdlich vor dem Ausstieg aus der Europäischen Union gewarnt.

Künstler und Popstars sowie Museen, Film und Fernsehen sind nahezu geschlossen gegen den Brexit. Was die Kulturschaffenden besonders ärgert, ist, dass ihre Stimme kaum gehört wird. Die Branche trägt nach Regierungsangaben pro Jahr rund 90 Milliarden Pfund (umgerechnet etwa 100 Milliarden Euro) zur britischen Wirtschaft bei.

Diese Zahlen allein sollten nach Angaben der Creative Industries Federation (CIF), einer Vereinigung für Beschäftigte in der Kultur, dazu führen, dass die Belange der Branche eine zentrale Rolle spielen. «Wir brauchen dringend größere Klarheit über die Form der künftigen kulturellen Beziehungen», sagte CIF-Direktor Alan Bishop.

Für Tony Lennon von der Gewerkschaft für Rundfunk, Unterhaltung, Theater und Kommunikation (BECTU) enthält das von Premierministerin Theresa May ausgehandelte Abkommen «keine konkreten Aussagen». «Der Sprung ins Ungewisse wird einfach bis 2020 verschoben, und alle wichtigen Fragen hängen in der Luft», sagte Lennon.

Doch es könnte noch schlimmer kommen. Großbritannien will Ende März 2019 die EU verlassen. Die 27 bleibenden EU-Staaten hatten zwar im November das mit London ausgehandelte Brexit-Vertragswerk gebilligt. Kern ist eine Übergangsphase bis mindestens Ende 2020, in der sich praktisch nichts ändert. Aber: Ein ungeordneter Ausstieg ist nach wie vor nicht ausgeschlossen, falls das Parlament in London am 11. Dezember den Brexit-Deal ablehnen sollte. Experten rechnen dann mit chaotischen Verhältnissen in allen Lebensbereichen.

«Wir sind dabei, einen schwerwiegenden Fehler zu begehen», warnte der Rock-Musiker Bob Geldof in einem Appell, der unter anderem von Megastar Ed Sheeran und Dirigent Simon Rattle unterschrieben wurde. Das gigantische Potenzial der britischen Musikszene werde in einem «selbsterbauten kulturellen Gefängnis» zum Schweigen gebracht, warnte Geldof in der ihm eigenen deutlichen Sprache.

Vereinzelt gibt es auch Stimmen, die von einem «neuen Internationalismus in der Kunst» schwärmen. So sieht die Kulturpolitikerin Munira Mirza in der erweiterten Zusammenarbeit mit «Staaten außerhalb des protektionistischen Blocks der EU» neue Horizonte des kulturellen Austauschs, der die gesellschaftlichen und ethnischen Verhältnissen in Großbritannien realistisch widerspiegele.

Was die Kunst- und Kulturszene am meisten bewegt, sind die Fragen der Freizügigkeit nach dem EU-Austritt sowie nach höheren Kosten, bürokratischen Hürden und Verzögerungen beim Transport von Ausrüstungen für Tourneen und Festivals. Visapflicht, schärfere Regulierung, Steuern und Zollkontrollen könnten den «Zugang zum besten Talent abwürgen», befürchtet BECTU.

Das von Großbritannien angestrebte neue Visa-System, nach dem EU-Bürger mit allen anderen in einer Schlange stehen und Auflagen über Arbeitsverträge und Mindestgehalt zu erfüllen haben, sei von Beschäftigten der Kunst-und Unterhaltungsbranche meist nicht zu erfüllen, so CIF. Vereinzelt wird der Ruf nach bevorzugter Behandlung und der Ausstattung mit einem «Touring Passport» laut.

Besonders leiden könnte laut CIF der milliardenschwere Sektor der Film-und Fernsehproduktion, hier arbeiten viele Bürger aus EU-Staaten. Der Erfolg der Branche sei in erster Linie dem Zugang zum besten Talent zu verdanken, sagte Phil Dobree, Chef der Animation- und Computergrafik Produktionsfirma Jellyfish, dem «Guardian». Er fügte hinzu: «Diese Leute sind hoch qualifiziert und extrem begehrt. Sie arbeiten oft mit kurzfristigen Verträgen. Im Moment können wir sie noch von einem Tag auf den anderen einfliegen.»

Hinzu käme der Wegfall der direkten EU-Förderung für die Kunst- und Unterhaltungssparte, die sich nach Angaben des Arts Council England auf rund 40 Millionen Pfund pro Jahr beläuft. Für Nicholas Serota, den Vorsitzenden des Arts Council und Ex-Direktor der Tate Galerien, geht es aber nicht nur um Geld. Ein Großteil der Kulturorganisationen arbeite mit Partnern in der EU zusammen. «Die Kultur hat schon immer einen wesentlichen Einfluss auf unsere 'soft power' gehabt. Es ist klar, dass der aus internationaler Zusammenarbeit erwachsende künstlerische Austausch zu unserem Erfolg beigetragen hat.»

Nach Angaben von Bernard Donoghue, dem Vorsitzenden der Vereinigung der Führenden Touristenattraktionen (ALVA), hat die Regierung bisher nur vage zugesagt, die EU-Förderbeträge zu übernehmen. «Es gibt Absichtserklärungen, aber konkrete Summen sind nicht festgelegt», sagte Donoghue dem «Museums-Journal».

Nach seinen Angaben setzt sich der Braindrain - die Abwanderung von Fachkräften - in der Kultur fort. «Wir sehen schon jetzt einen Braindrain von qualifizierten Kräften in den Bereichen Kultur, Wissenschaft und Design. Die Leute gehen, weil sie nicht wissen, ob sie nach dem März 2019 noch einen Job haben», sagte Donoughue.

Veröffentlicht am:
05. 12. 2018
11:49 Uhr

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dpa

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05. 12. 2018
11:49 Uhr