Wirtschaft

Graben zwischen Arm und Reich wird immer tiefer

Seit 1990 hat die Zahl der Menschen in extremer Armut stark abgenommen. Doch noch immer hat fast die Hälfte der Weltbevölkerung nur ein paar Dollar zum Leben, das Vermögen der Reichen steigt sprunghaft. Probleme gibt es auch in Deutschland.



Ungleichheit in Deutschland
Zur Bekämpfung der Ungleichheit in Deutschland fordert Oxfam einen höheren Mindestlohn sowie eine stärkere Belastung von Vermögenden, Konzernen, Erbschaften und hohen Einkommen.   Foto: Sebastian Gollnow/Illustratiom

Die Kluft zwischen Arm und Reich in der Welt hat der Organisation Oxfam zufolge im vergangenen Jahr gefährlich zugenommen. Das Vermögen der Milliardäre sei um durchschnittlich 2,5 Milliarden US-Dollar (2,19 Mrd Euro) pro Tag gestiegen - ein Plus von 12 Prozent zum Vorjahr.

Indes habe die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung 11 Prozent - 500 Millionen Dollar je Tag - verloren. Zu diesem Ergebnis kommt die Organisation in ihrem Ungleichheitsbericht, den sie kurz vor Beginn der Jahrestagung des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos vorstellte. Auch in Deutschland habe sich die Lage nicht verbessert - nötig seien ein höherer Mindestlohn sowie eine stärkere Belastung von Vermögenden, Konzernen, Erbschaften und hohen Einkommen.

Die Nothilfe- und Entwicklungsorganisation warnte, dass weltweit besonders Frauen und Mädchen von sozialer Ungleichheit bedroht seien. So besäßen Männer im globalen Durchschnitt 50 Prozent mehr Vermögen als Frauen. Zudem hätten Frauen wegen unbezahlter Arbeit wie Pflege oder Kindererziehung oft weniger Zeit, sich politisch zu betätigen - dies verstärke ihre Benachteiligung und zementiere ein Wirtschaftssystem, das von Männern für Männer gemacht sei.

Oxfam-Chefin Winnie Byanyima forderte die Staatengemeinschaft zu höheren Investitionen in Bildung auf. «Die Größe des Bankkontos sollte nicht diktieren, wie viele Jahre Kinder in der Schule bleiben oder wie lange wir leben. Doch dies ist nach wie vor die Realität in zu vielen Ländern der Erde», sagte sie.

Nötig sind dem Bericht «Public Good or Private Wealth» (Gemeinwohl oder privater Reichtum) zufolge zudem höhere Investitionen in die öffentliche Gesundheitsversorgung sowie eine stärkere und effektivere Besteuerung von Konzernen und Vermögenden. Es sei dringend Zeit zu handeln, so Ellen Ehmke, Oxfam-Deutschland-Referentin für soziale Ungleichheit. «Jeder Tag, den wir verlieren, verschärft das Ungleichheitssystem.»

Weltweit lebten noch immer 736 Millionen Menschen in extremer Armut - also von maximal 1,90 US-Dollar je Tag. Die Entwicklung sei aber positiv: Die Zahl habe sich zwischen 1990 und 2010 halbiert und nehme weiter ab. Ehmke wies aber darauf hin, dass fast die Hälfte der Weltbevölkerung - etwa 3,4 Milliarden Menschen oder 46 Prozent - von maximal 5,50 Dollar pro Tag lebe. Vielen Menschen drohe etwa bei Krankheit der Fall in die extreme Armut, weil sie Behandlungen oder Medikamente nicht bezahlen könnten.

Oxfam warnte zudem, die Schere zwischen Arm und Reich verstärke die Spaltung in der Gesellschaft. «Das Problem der wachsenden sozialen Ungleichheit ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit», sagte Jörn Kalinski, Leiter Entwicklungspolitik von Oxfam Deutschland. Sie biete einen Nährboden für gefährliche Entwicklungen wie Rechtspopulismus und aggressiven Nationalismus.

Hierzulande steigerten die Milliardäre ihr Vermögen im vergangenen Jahr um 20 Prozent, wie aus dem Bericht hervorgeht. Insgesamt verfüge das reichste Prozent der Bevölkerung über ebenso viel Vermögen wie die 87 ärmeren Prozent. Damit zähle Deutschland zu den Industrienationen mit der größten Vermögensungleichheit. Mit 15,8 Prozent liege die Armutsquote auf dem höchsten Stand seit 1996, jedes fünfte Kind sei von Armut betroffen. Frauen verdienten im Durchschnitt 21,5 Prozent weniger als Männer; schlechter sei die Lage in der EU nur in Estland und Tschechien.

Zur Bekämpfung der Ungleichheit in Deutschland forderte Oxfam eine Erhöhung des Mindestlohns. «Der Mindestlohn ist zu niedrig, gerade in Ballungszentren», sagte Referentin Ehmke. So ließen sich etwa die stark steigenden Mieten mit dem derzeitigen Satz von 9,19 Euro pro Stunde nicht mehr bezahlen.

Es gebe allerdings auch Fortschritte, sagte Oxfam-Steuerexperte Tobias Hauschild und verwies auf Pläne der EU zur Besteuerung von Großkonzernen oder die Aufhebung des Bankgeheimnisses in der Schweiz. «Das sind Dinge, über die vor zehn Jahren nicht geredet wurde.» Kalinski betonte, einige Entwicklungen - etwa die Amtsführung von US-Präsident Donald Trump, der Brexit oder der Aufstieg rechtspopulistischer Parteien - hätten zudem in Politik und Wirtschaft zum Nachdenken geführt. Nötig sei nun aber eine konsequente Sozialpolitik.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
21. 01. 2019
14:57 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Armut Besitz und Vermögen Dollar Donald Trump Milliardäre Mindestlohn Nationalismus Rechtspopulistische Parteien Soziale Unterschiede Vermögende Weltbevölkerung Weltwirtschaftsforum
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Weltwirtschaftsforum in Davos

23.01.2019

Merkel für Kooperation: «Alles andere führt ins Elend»

Donald Trump ist nicht in Davos, aber der US-Präsident steht - indirekt - im Mittelpunkt von Angela Merkels Rundumschlag vor der Elite aus Politik und Wirtschaft. Auch andere Spitzenpolitiker nehmen die nationalistische ... » mehr

Dax

vor 2 Stunden

Dax dank Hoffnungen auf Zinssenkung weiter im Plus

Nach einem soliden Start ist der Dax am Freitag trotz leicht bröckelnder Gewinne nach wie vor im Plus. Der Leitindex lag gegen Mittag mit 12.260,37 Punkten bei 0,27 Prozent in der Gewinnzone. » mehr

Jack Ma

10.09.2018

Alibaba-Chef Jack Ma kündigt Rückzug für nächstes Jahr an

Jack Ma hat es vom Englischlehrer zu einem der reichsten und erfolgreichsten Unternehmer Chinas gebracht. In Zukunft will sich der Milliardär vor allem wohltätigen Aufgaben widmen. » mehr

Facebook

14.07.2019

Bericht: Datenschutz-Skandale kosten Facebook Milliarden

Der Cambridge-Analytica-Skandal kommt Facebook teuer zu stehen. Mit der US-Behörde FTC einigte sich der Onlinekonzern auf eine Milliardenzahlung. Dabei ist Facebook wohl noch glimpflich davongekommen. » mehr

Libra

12.07.2019

US-Präsident Trump wettert gegen Bitcoin und Facebooks Libra

Die Ankündigung von Facebook, das neue Digitalgeld Libra einzuführen, hat die Debatte um Kryptowährungen angeheizt. Nun hat sich auch US-Präsident Trump mit einer Tirade auf Twitter gegen Libra und Bitcoin positioniert. » mehr

Börse in New York

11.07.2019

Dow Jones überwindet erstmals 27.000er-Marke

Der Dow Jones Industrial hat am Donnerstag erstmals in seiner Geschichte die Hürde von 27.000 Punkten überwunden. Nachdem Fed-Chef Jerome Powell am Mittwoch die Tür für Zinssenkungen verbal weit offen gelassen hatte, set... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Dance, Brass & Beat 2019 Hof

Dance, Brass & Beat 2019 - Teil 2 | 18.07.2019 Hof
» 198 Bilder ansehen

Plassenburg-Open-Air mit Stahlzeit

Plassenburg-Open-Air mit Stahlzeit | 16.07.2019 Kulmbach
» 9 Bilder ansehen

SpVgg Bayern Hof - DJK Ammerthal 1:1

SpVgg Bayern Hof - DJK Ammerthal 1:1 | 17.07.2019 Hof
» 47 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
21. 01. 2019
14:57 Uhr