Kulmbach

Bürger haben Hunderte Ideen zum Radverkehr

Die Bürgerwerkstatt für Radfahrer erarbeitet weit über 200 Verbesserungsvorschläge. Sie können die Basis sein für ein neues Verkehrskonzept der Stadt Kulmbach.



Radfahren kann Spaß machen, doch in Kulmbach überwiegt bislang der Frust. Die Teilnehmer an der Bürgerwerkstatt wünschen sich ein schlüssiges Radwegenetz für Kulmbach und den ganzen Landkreis. Fotos: Stefan Linß
Radfahren kann Spaß machen, doch in Kulmbach überwiegt bislang der Frust. Die Teilnehmer an der Bürgerwerkstatt wünschen sich ein schlüssiges Radwegenetz für Kulmbach und den ganzen Landkreis. Fotos: Stefan Linß   » zu den Bildern

Kulmbach - Viel Frust hat sich aufgestaut. Ein paarmal drohte die Stimmung in der Dr.-Stammberger-Halle zu kippen. Bürgermeister Dr. Ralf Hartnack, der Oberbürgermeister Henry Schramm vertrat, hatte bei der ersten Bürgerwerkstatt für ein neues Radwegekonzept einen schweren Stand. Für seine Äußerungen, dass einiges beim Radverkehr in Kulmbach jetzt schon funktioniert und dass es in Deutschland auch Städte gibt, die es schlechter machen, erhielt er höhnisches Gelächter von den mehr als 70 Veranstaltungsteilnehmern. Denn der Fahrradklima-Test des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs zeigt ein anderes Bild. Bei der bundesweiten Erhebung geben die Kulmbacher Radfahrer ihrer Heimatstadt seit Jahren durchweg die schlechtesten Noten. Es soll sich bald etwas ändern, so lautet das erklärte Ziel von Stadtrat und Verwaltung.

Kritik an der bestehenden Verkehrssituation gibt es reichlich. Dass es keine Freude ist, mit dem Rad durch Kulmbach zu fahren, wird den Verantwortlichen in der Stadt mehr und mehr klar. Es sind nicht nur der neue Universitäts-Campus und die damit verbundenen neuen Verkehrsströme, die nun zum Handeln zwingen. Der Unmut der Radfahrer ist in den vergangenen Jahren gewachsen, weil aus ihrer Sicht so gut wie keine Verbesserungen erreicht worden sind.

 

Grundlegend anpacken: Jetzt will die Stadt grundlegend anpacken, um den Radverkehr zu verbessern, versprach Bürgermeister Hartnack. "Die Politik hört zu, welche Wünsche die Bürger haben", sagte er. Mehr als 200 Anregungen haben die Radfahrer schon vor der Veranstaltung eingebracht. Dutzende weitere sind während der Bürgerwerkstatt am Mittwochabend zur Sprache gekommen.

"Es gab in der Vergangenheit verschiedene Einzelmaßnahmen, aber es fehlt ein zusammenhängendes Radnetz", sagte Stadtplanungsleiter Gerd Belke. Als Beispiel nannte er die Kreuzung vor dem Einkaufszentrum "Fritz" in der Hans-Hacker-Straße. Der am meisten belastete Knotenpunkt in Kulmbach sei für den Fahrradverkehr sehr verbesserungswürdig. Belke forderte: "Wir brauchen Ideen."

Davon hatten die Teilnehmer der Bürgerwerkstatt eine ganze Menge zu bieten. Mehrere Vorschläge machte Nils Schmeinck. "Mir geht es um die Sicherheit der Radfahrer", sagte er. "Geschützte Radwege gibt es kaum." Wenn in Kulmbach von Individualverkehr die Rede war, ging es bislang nur um das Auto.

 

Neues Tempolimit: Gleichberechtigt sollten alle Verkehrsteilnehmer nebeneinander existieren, forderte Dagmar Keis-Lechner. Die Kreis- und Bezirksrätin nannte es notwendig, dass dafür die erlaubte Höchstgeschwindigkeit in der Innenstadt reduziert wird und ein neues Tempolimit kommt.

Die meisten Verbesserungsvorschläge hat Jürgen Tesarczyk vom ADFC ausgearbeitet. Der Kulmbacher kämpft seit Jahren für eine fahrradfreundlichere Atmosphäre. Es brauche generell gute Verbindungen zwischen den Wohnorten, Schulen, Arbeitsplätzen, Einkaufsmärkten und Freizeiteinrichtungen, erklärte er. Bordsteine könnten abgesenkt und holpriges Kopfsteinpflaster nach und nach durch einen ebeneren Belag ersetzt werden. An vielen Stellen könnten anstelle der Parkbuchten neue Radwege geschaffen werden.

 

Fahrradwege statt Autospuren: Autospuren zu Fahrradwegen umfunktionieren - dafür spricht sich auch Volker Wack aus. In der EKU-Straße und Saalfelder Straße sei das ebenso möglich wie am Kreuzstein. "Wir bräuchten in der Stadtverwaltung eine Fachkraft, die selbst Rad fährt und sich der Sache annehmen kann", sagte Wack.

Vom schwierigen Alltag als Radfahrerin berichtete Ulrike Walleitner: "Man wird ohne Ende geschnitten." Besonders an den Kreuzungen oder in der Albert-Ruckdeschel-Straße leben Radler gefährlich. Dr. Thomas Weniger schlug vor, die vielfrequentierte Bahnunterführung zwischen Schwedensteg und Pörbitscher Weg für Radfahrer zu öffnen und einen Spiegel anzubringen.

Karlheinz Vollrath vom Bund Naturschutz forderte ein Gesamtkonzept, das auch die Situation des öffentlichen Personennahverkehrs und der Fußgänger verbessert. "Ich wünsche mir aus allen Himmelsrichtungen möglichst barrierefreie Radwege ohne ständig bremsen zu müssen." Der Radfahrer will seinen Schwung nutzen. Stattdessen müsse er derzeit an vielen Stellen unnötige Schlenker machen, anhalten und die Straßenseite wechseln.

Katrin Geyer kritisierte, dass viele Radwege ganz unvermittelt aufhören. Beispielsweise in der Kronacher Straße stadteinwärts vor dem Bahnübergang. Die Kreuzung in der Mittelau beim Media-Markt sei schlicht eine Katastrophe. An vielen Stellen sind die Radfahrer im toten Winkel der rechtsabbiegenden Autos und Lastwagen. Eine Lösung, die in vielen Städten praktiziert wird, seien Radfahrerampeln, die etwas früher Grün zeigen.

 

Unfälle an der Schule: Von haarsträubenden Situationen und Unfällen am Caspar-Vischer-Gymnasium und an der Blaicher Schule berichtete Astrid Pfitzer. Positiv sei, dass Eltern überhaupt noch versuchen, ihren Kindern das Radfahren zu vermitteln und sie nicht nur mit dem Auto bringen und holen.

Simon Ries, der Stabsstellenleiter im Kulmbacher Rathaus, lobte die konstruktiven Vorschläge und die hohe Resonanz aus der Bevölkerung. Die Bürgerbeteiligung sei ein Auftakt und gleichzeitig eine Chance. Die Stadt stehe mit Bayreuth in Kontakt, um sich Anregungen zu holen. Um ein Konzept umsetzen zu können, werde nach Fördermöglichkeiten gesucht. "Wir wollen dranbleiben und zügig die nächsten Schritte angehen", versprach Simon Ries. Einen genauen zeitlichen Fahrplan gibt es aber noch nicht.

 

Keine Sonderrechte: Es sei weniger sinnvoll, kurzfristig Ideen umzusetzen und beispielsweise Einbahnstraßen in Gegenrichtung für Radfahrer zu öffnen, sagte Klaus-Peter Lang, der Leiter der Verkehrsabteilung bei der Polizeiinspektion Kulmbach. "Das bringt uns erst weiter, wenn wir ein schlüssiges Gesamtkonzept haben." Lang ist selbst ein begeisterter Radfahrer und kennt die Probleme mit der Verkehrsführung. Es sei für den Radler aber keine Lösung, einfach Sonderrechte für sich in Anspruch zu nehmen und gegen die Regeln zu verstoßen.

 

Ideen gesucht: Wer seine Überlegungen und Ideen zum Fahrradfahren in Kulmbach noch nachreichen möchte, kann sie an die Stadt schicken. Die E-Mail-Adresse lautet radverkehr@stadt-kulmbach.de.

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Mit unserer Frankenpost -Serie "Mobilität der Zukunft" stellen wir die Frage, wie wir künftig unterwegs sein werden. Technische Innovationen verändern unsere Fortbewegungsmittel. Um die Klimaschutzziele zu erreichen, braucht es neue Ideen. Was heißt das für die Mobilität der Menschen in unserer Region?

Autor

Stefan Linß
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Veröffentlicht am:
11. 07. 2019
17:30 Uhr

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Stefan Linß

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Veröffentlicht am:
11. 07. 2019
17:30 Uhr